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Wenn Schuldgefühle zur Falle werden
Warum Vorwürfe Sie nie weiterbringen
Sie sind umgeben von guten Ratschlägen. Von direkten („Sie sollten ...") und subtilen („Die moderne Frau ist ..."). Da sind die Erziehungsregeln Ihrer Eltern, die Sie in sich tragen. Da gibt es Tipps und Methoden in Büchern, im Fernsehen, in Zeitschriften - ja, auch diese Spezialausgabe gehört dazu.
Auch Rat-Schläge können weh tun
Manches davon ist für Sie hilfreich,
manches aber nicht. Mancher Ratschlag zeigt Ihnen nur, wie unfähig
Sie im Vergleich zu anderen sind. Mancher Tipp verwirrt mehr, als dass
er Ordnung in Ihr Inneres bringt. Ihr Vertrauen auf die eigene Intuition
schwindet. Sie sind angespannt, hin- und hergerissen zwischen dem, was
Sie wollen, und dem, was Sie sollen. In Ihnen verdichtet sich die Erkenntnis:
„So wie ich bin, bin ich nicht richtig. Ich sollte fleißiger, geduldiger,
schlanker usw. sein." Es entstehen Schuldgefühle. Viele Menschen denken,
ohne solche inneren Antriebe stehen zu bleiben, und halten Schuld für
unerlässlich.
Ohne Schuld kein Fortschritt?
Manche Menschen fürchten, dass
ohne Schuldgefühle die Welt im Nichtstun versinkt, weil jeder denkt:
„Wenn ich ohnehin unschuldig bin, kann ich doch die Hände in den Schoß
legen." In der Tat beruhen viele menschliche Aktivitäten auf Schuldgefühlen,
allerdings auch viele unheilvolle. Jede Sucht ist ein Teufelskreis von
Scham und Schuld. Ein Alkoholiker fühlt sich schuldig, weil er vom
Trinken nicht loskommt - und trinkt weiter, um diese Schuldgefühle
nicht mehr zu spüren.
Schuld
ist kein guter Lehrer
Schuldgefühle erschweren Veränderung.
Sie verschlechtern Ihr Allgemeinbefinden, körperlich und seelisch.
Sie kosten Kraft. Sie machen nicht Mut, sondern schwächen. Warum gibt
es Schuldgefühle dann überhaupt?
Das
Ende des Allmachtstraums
Weil sie schützen. Mit Ihrem
Schuldgefühl lässt sich Ihr unerreichbares Ideal vom perfekten
Ehemann, der perfekten Mutter, dem perfekten Christen, dem perfekten Angestellten
usw. weiter aufrecht erhalten. Um aber zu einem realistischen und gelassenen
Leben zu finden, müssen Sie aus dem Traum von der Vollkommenheit erwachen.
Das tut weh - für viele mehr weh, als die quälenden Schuldgefühle
aufzugeben.
Das
gute Wort heißt „genug"
Erkennen Sie die Realität an.
Sagen Sie: „Ich tue genug. Ich gebe, was ich kann. So, wie ich bin, bin
ich eine gute Mutter, ein guter Vater, ein guter Ehemann, eine gute Ehefrau."
Das ist der Boden, der trägt. Aus dieser Einsicht erwächst innere
Stärke.
Die Therapeuten Gabriele und Bertold
Ulsamer raten, den Druck der eigenen Schuldgefühle zu erforschen:
Wie fühlt sich dieser Druck an? Wo fühle ich ihn in meinem Körper
und in meinem Herzen? Wozu brauche ich ihn? Woher weiß ich, was meine
Fehler sind? Wessen Stimme spricht da zu mir? Woher kommt das innere Ideal,
das ich in mir trage?
Sie
sind nicht an allem schuld
Wenn Sie sich diese Fragen stellen,
werden Sie merken, dass die meisten Ihrer quälenden Schuldgefühle
„älter sind als Sie selbst". Damit eröffnen sich Ihnen Möglichkeiten,
an diesen Schuldvorstellungen zu arbeiten, denn es ist sehr häufig
gar nicht Ihre Schuld. Sie haben sie von anderen übernommen.
Natürlich gibt es auch eigene
Schuld. Schlimme Taten, für die Sie sehr wohl verantwortlich sind
und zu denen Sie stehen müssen. Das aber können Sie erst, wenn
Sie Ihren eigenen Anteil klar sehen. Dabei kann die systemische Methode
sehr helfen.
Der
1. Schritt aus dem Teufelskreis
Das ist der neue Anfang: Sie erkennen,
dass Sie Scham und Schuld empfinden, aber Sie stehen zu diesen Gefühlen
- und fühlen sich nicht zusätzlich schuldig, dass Sie diese Gefühle
haben. Sie schämen sich nicht mehr für Ihre Scham. Dann haben
Sie eine Chance, aus dem Teufelskreis von Schuld und Scham herauszufinden.
Anerkennen, was ist
So lautet eine der großen
einfachen Einsichten der systemischen Familientherapie im Blick auf unsere
Beziehungen und unsere Seele. Erst dann ist der Weg frei zum Handeln.
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