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Ausgabe Oktober 1999
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Selbstorganisation
Was der Herr Geheimrat rät
8 einfache Ratschläge eines weisen Dichters – zum 250. Geburtstag Johann Wolfgang von Goethes

Rat Nr. 1: Wir müssen nichts sein, aber alles werden wollen.
Kleben Sie nicht an einem erlernten Beruf oder an einer Position. Goethe war promovierter Jurist, arbeitete als Schriftsteller, Maler, Theaterregisseur, Minister für Finanzen, Bergbau, Straßenbau und Armee, Kriegsberichterstatter, Mineralienforscher, Naturwissenschaftler (entdeckte dabei den Zwischenkieferknochen) und Begründer einer eigenen Farbenlehre.

Rat Nr. 2: Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen oder ein treffliches Gemälde sehen.
Goethe verbrachte viel Zeit mit der Betrachtung von Kunstwerken.

Schaffen Sie im Alltag Platz für Schönes, das Ihrer Seele gut tut. Richten Sie dafür feste Zeiten ein (vor dem Frühstück, beim Nachmittagstee, vor dem Schlafengehen), an denen Sie dieses wohltuende Goethe-Ritual pflegen.

Rat Nr. 3: Das Unzulängliche ist produktiv.
Freunden Sie sich mit dem kreativen Potential von Fehlern und Mängeln an. Vollkommenes bedeutete für Goethe nur Stillstand und war nichts "Genialisches". Nur wo er auf Unzulängliches stieß, hatte er das Gefühl, "mitschöpferisch" wirken und kreativ gestalten zu können.

Rat Nr. 4: Wenn ich die Meinung eines anderen anhören soll, muß sie positiv ausgesprochen werden. Problematisches habe ich in mir selbst genug.
Goethe wußte, wie sehr es bei Kritik auf die Wortwahl und den Tonfall ankommt. Freundlich formulierte Kritik an seinen Werken nahm er begeistert auf. Von Schiller ließ er sich immer wieder zu Änderungen animieren. Positives Denken war für ihn eine "erzieherische Maßnahme", mit der er seine schwierigen und problematischen Persönlichkeitsanteile weiterentwickeln wollte.

Rat Nr. 5: Ich sehe mich gerne bei anderen Nationen um und rate jedem, es auch zu tun.
Goethe bereiste zwar nur Frankreich, die Schweiz und Italien. Aber er liebte den Austausch mit fremden Kulturen. Nationale Kleingeisterei war ihm in der Literatur wie in der Politik verhaßt. Er demonstrierte meisterlich, wie man in einer deutschen Kleinstadt leben und trotzdem kosmopolitisch denken kann. Lassen Sie sich von seinem „West-Östlichen Diwan“ inspirieren und nutzen Sie die Lage Deutschlands zwischen den Kulturkreisen.

Rat Nr.6: Das Rauchen macht dumm. Es macht unfähig zum Denken und Dichten.
Wollten Sie sich nicht schon längst das Rauchen abgewöhnen? Goethe fand Rauchen "arg unhöflich und impertinent ungesellig", weil es die Nichtraucher "entweder erstickt oder vertreibt". PS: Hunde mochte er auch nicht.

Rat Nr. 7: Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder einzelne aber fängt doch von vorne an.
Lassen Sie einige Projekte in Ihrem Leben "sterben". Die Jahrhundertwende ist ein guter Zeitpunkt, um sich von etwas zu trennen. Auch Goethe hat als 51jähriger einen Jahrhundert-Countdown miterlebt. Er beendete mit dem alten Jahrhundert seine Mitarbeit an der Zeitschrift Propyläen und schuf sich so Raum und Zeit, um mit etwas Neuem von vorne anfangen zu können.

Rat Nr. 8: Wie es auch sei, das Leben ist gut.
Goethe erlebte viele Schicksalschläge. Seine Schwester starb sehr früh, 4 seiner 5 eigenen Kinder erreichten nicht das Erwachsenenalter, sein einziger überlebender Sohn starb mit 30 Jahren in Rom an einem Fieber. Auch künstlerisch erlebte er lange Zeiten der "Dürre", als Beamter mußte er sich mit vielen lästigen Dingen herumplagen und viele Niederlagen einstecken. Trotzdem behielt er stets die Überzeugung, daß das Leben es gut mit ihm meinte, und er freute sich an dem, was ihm täglich geschenkt wurde. Einfacher geht’s fast nicht.

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