2/14
Ausgabe Mai 1999
Das Original bestellen... Diesen Artikel weiterempfehlen... Diesen Artikel ausdrucken... zur Archivsuche...


Selbstmanagement
Sagen Sie "Nein" – ohne Skrupel!
So schützen Sie sich vor Überlastung

"Wir arbeiten uns zu Tode" – der Offenbacher Psychologe Werner Gross sieht die Belastungsgrenze in unserem Arbeitsleben schon fast als erreicht an. Der Druck steigt, in allen Berufen und allen Branchen. Angestellte fürchten um ihren Arbeitsplatz, Selbständige sorgen sich, Kunden zu verlieren.

Auch im zwischenmenschlichen Bereich steigt die Belastung. In der modernen Kleinfamilie konzentrieren sich die Erwartungen, die früher auf die gesamte Verwandtschaft verteilt waren, auf den einzelnen Partner.

Die Folge davon: Angestellte lassen sich zu viele Verpflichtungen aufhalsen, Selbständige nehmen zu viele Aufträge an. Aus Angst vor den Folgen eines "Nein" sagen sie lieber zähneknirschend "Ja".

Sie haben ein Recht auf Selbstsicherheit
Der Psychologieprofessor Manuel J. Smith aus Los Angeles hat sich auf diese Problematik spezialisiert. Seine These:

Wenn Sie "Ja" sagen, obwohl Sie eigentlich "Nein" meinen, dann liegt das in erster Linie nicht an Ihnen, sondern daran, daß Sie von jemand anderem manipuliert werden.

Smiths Therapie: Steigern Sie Ihre Selbstbehauptung! Wenn Sie in eine Ja-Nein-Situation kommen, sprechen Sie innerlich folgenden Satz:

Ich habe ein Recht darauf, nicht von anderen manipuliert zu werden.

Nicht von Ihrem Chef, nicht von Ihren Kunden, nicht von Ihrem Partner, nicht von Ihren Verwandten, nicht von Ihrem besten Freund.

Der positive Gegenbegriff zum Manipuliertwerden ist Ihr Recht auf Selbstsicherheit – als Grundvoraussetzung für Ihre gesunde Beteiligung an menschlichen Beziehungen. Dieses Recht auf Selbstsicherheit läßt sich reduzieren auf 5 Punkte:

1. Sie haben das Recht, Ihre Gefühle selbst zu beurteilen
Ihr Vorgesetzter sagt: "Besuchen Sie Herrn Brüller, und überreden Sie ihn zur Kandidatur." Sie: "Das muß jemand anders machen. Ich habe eine solche Abneigung gegen Herrn Brüller, daß ich das nicht kann." Vorgesetzter: "Ach was! Das kriegen Sie schon hin." Der Satz klingt aufmunternd, ist jedoch Manipulation: Er setzt sich über Ihre Gefühle hinweg. Sie haben aber ein Recht auf Ihre Gefühle und darauf, daß Sie von anderen Menschen geachtet werden. Sagen Sie also: "Ich kriege das nicht hin. Schicken Sie jemand anders, das ist besser für alle Beteiligten!"

2. Sie haben das Recht, Ihr Verhalten nicht entschuldigen zu müssen
Verkäuferin: "Warum gefällt Ihnen der Mantel nicht?" Sie: "Ich mag die Farbe nicht." Verkäuferin: "Diese Farbe ist jetzt in Mode, und sie gefällt allen unseren Kunden." Lassen Sie sich auf keine weitere Diskussion ein. Sobald Sie anfangen, Ihren Geschmack zu begründen oder sich dafür zu entschuldigen, schwächen Sie Ihren Selbstwert und ermöglichen es dem anderen, Sie zu manipulieren.

3. Wenn Sie die Probleme anderer Menschen lösen sollen, haben Sie das Recht, diese Probleme zu beurteilen
Ihr Ehepartner: "Morgen holst du meine Tante vom Flughafen ab." Sie: "Nein, das geht unmöglich. Ich tue schon soviel für dich." Ehepartner: "Du machst immer nur, was dir gefällt. Wenn dir unsere Ehe wirklich etwas bedeuten würde, dann würdest du mehr für mich tun." Hier steht Urteil gegen Urteil. Wenn Sie in diesem Beispiel "Ja" sagen und damit nicht mehr zu Ihrem eigenen Urteil stehen, gerät die Beziehung aus dem Gleichgewicht, und der andere kann Sie bis zur Schmerzgrenze manipulieren.

Eine befriedigende Lösung kann es nur geben, wenn die Urteile gegeneinander abgewogen werden und die Partner zu einem Kompromiß kommen.

4. Sie haben das Recht, Fehler zu machen
Ihr Auftraggeber: "Sie müssen übers Wochenende die Kundenauswertung fertig bekommen, egal wie!" Sie: "Unmöglich, meine Familie ist mir wichtiger." Auftraggeber: "Das wird Ihnen nichts helfen. Ihre Auswertung vor einem Jahr war sehr fehlerhaft, und dafür müssen Sie jetzt büßen." Von Jesus stammt der berühmte Satz: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Dahinter steckt die nüchterne Erkenntnis: Kein Mensch ist vollkommen. Wenn Sie gelernt haben, selbstsicher zu sein, dann können Sie einen Fehler zugeben, sich entschuldigen und zusammen mit anderen eine Lösung erarbeiten. Lassen Sie sich Ihre Fehler nicht wiederholt vorwerfen und sich zu Strafarbeiten zwingen.

5. Sie haben das Recht, unlogische Entscheidungen zu treffen
Ihr Ehepartner: "Du solltest deine Arbeit im Kirchenvorstand aufgeben." Sie: "Nein. Sie ist mir sehr wichtig." Partner: "Ich denke doch dabei nur an dich. Du regst dich dabei viel zu sehr auf und bist gestreßt." Ihr Partner argumentiert hilfreich und logisch, aber trotzdem manipuliert er Sie. Bleiben Sie bei Ihrem "Nein", und lenken Sie das Gespräch auf ihre unterschiedlichen Bedürfnisse: Sie argumentieren emotional, Ihr Partner logisch. Beides ist berechtigt. Auf dieser Grundlage sollten Sie einen Kompromiß finden.

Ausführliche Übungen und Dialoge zu diesem Thema enthält das Buch Sage Nein ohne Skrupel von Manuel J. Smith (mvg Verlag, 14,90 DM, ISBN 3-478-03890-1).

Das Original bestellen... Diesen Artikel weiterempfehlen... Diesen Artikel ausdrucken... zur Archivsuche...